„Dem Leben Beine machen“

Er spricht von sich selbst als „der halbe Mann“ und ist doch deutlich erkennbar „ein ganzer Kerl“. Florian Sitzmann verlor als 16-Jähriger bei einem schweren Verkehrsunfall beide Beine. Gewonnen aber hat er das Leben. Damals nach dem Unfall und heute, an jedem neuen Tag. Sein Leben ist nicht so wie das von anderen. Vieles ist ihm nicht so möglich, wie es anderen möglich ist. Doch er reagiert darauf nicht mit Rückzug und Resignation, sondern mit Zuversicht und Lebenswillen. Beeindruckend, wie er die Chancen seines Lebens sucht und nutzt, wie er Kraft, Energie und Natürlichkeit ausstrahlt. Dadurch, dass er öffentlich – ob im Fernsehen oder auf dem Dekanatskirchentag in Höchst – über sein „Leben mit einem Handicap“ berichtet, macht er vielen Menschen Mut, mit ihrer eigenen schwierigen Lebenssituation umzugehen.

Ich fühle mich an den biblischen Hiob erinnert, der nicht verkennt, dass Gott ihm ein schweres Schicksal auferlegt. „Gott ist`s, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat.“ (Hiob 23, 16). Doch reagiert Hiob nicht so, wie wir Menschen oft reagieren: mit dem Glauben, es wäre nicht „in Ordnung“ so, und dem Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Zum einen sagt Hiob: „Er hat´s beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht´s, wie er will.“ (Hiob 23,13). Und zum anderen formuliert er einen Satz, den ich immer wieder unglaublich beeindruckend finde: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10)

Florian Sitzmann hat „das Böse“ nicht nur angenommen, er sieht sogar „das Gute“, das ihm durch „das Böse“ zuteil wird. Wer ihn sieht und hört, der bekommt eine neue Perspektive auf das Leben und die Kraft, die selbst in großem Leid steckt. Ich wünsche mir, dass ich – in guten und in schlechten Tagen – im Vertrauen auf Gottes Gegenwart mit Hiob sagen kann: „Der HERR hat´s gegeben, der HERR hat´s genommen, der Name des HERRN sei gelobt.“ (Hiob 1,21)
Ihnen wünsche ich das auch!

Herzlichst,

Ihr Pfarrer Carsten Stein